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Debre Markos 2002

23.11. - 8.12. 2002


Foto unseres Team im Krankenhaushof von Debre Markos 2002

2002 wurde mein Vater Prim. Dr. Dichtl vom Rotary Club Wels (seitens Altpräsident Prim. Dr. Ulrich Holter) kontaktiert, da für ein Äthiopien-Projekt des Rotary Clubs Stiftland (Deutschland) dringend operativ tätige Augenärzte gesucht wurden. Weil mein Vater schon immer den Wunsch hatte, Augenheilkunde in einem Entwicklungsland zu betreiben, wurde in wenigen Wochen der erste Einsatz unseres Teams vorbereitet.

Aus Berichten von Kollegen ahnten wir in etwa was uns erwarten würde, und so stellten wir mit Unterstützung unserer Augenabteilung bzw. des Klinikums Wels, aber auch dank Hilfe verschiedener Firmen eine einfache Ausrüstung zusammen.
Ende November startete die Reise, und mit einem Zwischenstopp in Addis Abeba ging es hinauf ins äthiopische Hochland in eine Stadt namens Debre Markos.
Die Anreise war sehr beschwerlich und dauerte per Jeep einen ganzen Tag. Die Strassen waren fast zur Gänze in schlechtem Zustand, vor allem die Taldurchquerung des blauen Nils war sehr anstrengend.

Wir wurde begleitet vom äthiopischen Augenarzt Dr. Asfaw, der einer von ca. 80 in Äthiopien tätigen Ophthalmologen ist und damals im Rahmen seines Ausbildungsvertrages noch einige Zeit in der Peripherie operieren mußte, ehe ihm eine freie Praxiswahl erlaubt war.

Die ersten Eindrücke im Krankenhaus wurden eine bleibende Erinnerung für uns alle, da wir nicht nur wirklich viele Patienten im Krankenhaushof sahen und uns erst einen Weg durch die Menge bahnen mußten, sondern relativ rasch klar wurde, daß die Menschen alle auf uns warteten und nicht wegen anderer Erkrankungen hier Hilfe suchten.

Die Augenabteilung war einfach aber funktionell eingerichtet, es wurde von unseren Vorgängern ein Seitentrakt des Spitals umfunktioniert, und aus Europa die wichtigsten Geräte mitgebracht (OP-Mikroskop, Untersuchungsgeräte, Kunstlinsen,  Sterilisatoren, Verbrauchsgüter für diverse operative Eingriffe). Abseits der Kampagnen gab es im Krankenhaus keine Augenarzt, dafür ansässige "OMAs" (ophthalmic medical assistants), die einfache operative Eingriffe durchführen durften. Operationen gegen den grauen Star waren ihnen nicht erlaubt, womit diese  Haupterblindungsursache während des Jahres nicht behandelt werden konnte, was natürlich unbefriedigend war.

Zu Beginn war eine komplette Umstellung unserer gewohnten Abläufe für uns alle erforderlich - zwar waren schon vor uns OP-Teams vor Ort tätig, dennoch wurden uns Helfer zugeteilt, die wenig Wissen von operativer Augenheilkunde hatten und zusätzlich oftmals auch nicht oder nur bruchteilhaft englisch sprachen. Wir konnten die Qualität und Effizienz der Voruntersuchung und der Eingriffe an sich zügig steigern, und bist zum Ende der Kampagne fast 30 Patienten pro Tag auf 2 Tischen operieren. Die Mitarbeiter hatten wir am Ende der beiden Wochen ebenfalls gut eingeschult.

Probleme machten (auch bei den späteren Kampagnen) hauptsächlich defekte Geräte, hier vor allem die Sterilisatoren, die entweder zu langsam waren oder überhaupt dem Betrieb bzw. den Stromschwankungen und Stromausfällen nicht standhielten. Zusätzlich kam es zu Engpässen bei Verbrauchsgütern, da bei dieser Kampagne eine Hilfslieferung im Zoll in Addis steckte, und erst nach Auftreiben von 6000 US-Dollar ausgelöst werden konnte.
Bei Stromausfällen war ein Generator vorhanden, wobei erst Diesel beschafft werden mußte, und dennoch nicht immer Elektrizität garantiert war. Manche Operation mußten wir mit der Taschenlampe zu Ende führen.

Sehr nervenaufreibend waren die Allgemeinnarkosen bei unserem ersten Einsatz, da auch noch ganz kleine Kinder vorgestellt wurden (angeborener grauer Star). Im Gegensatz zu unserer gewohnten hochtechnisierten Medizin gab es im Haupt-OP des Krankenhauses kaum Überwachungsgeräte, ein einfaches Stethoskop aufgeklebt auf dem Brustkorb des Kleinkindes mußte reichen. Es existierten keine gut funktionierenden Kindertuben für die Intubation, und die Beatmungsbeutel waren komplett zugeklebt mit Leukoplast, da sie so rissig waren und mehr Luft aus der Hülle unkontrolliert entwich als in den zugehörigen Schlauch zum Patienten gepumpt werden konnte. Eine Narkosegasabsaugung war nicht vorhanden, entsprechend die Luftsituation im OP. Die Händedesinfektion erfolgte mit Spiritus, statt eines funktionierenden Kauters (eine Stromführende Pinzette zur Blutstillung) wurden Eisenstäbe am Spiritusbrenner erhitzt und damit Blutungen gestillt. Was passiert wäre wenn ein solcher Brenner zu Boden gefallen wäre wollten wir uns gar nicht vorstellen. Dennoch konnten wir alle uns vorgestellten Kinder zur Zufriedenheit operieren.

Die Entfernung der Verbände am Folgetag war überwältigend und jeden Morgen aufs Neue etwas sehr Berührendes: manche Patienten tanzten, sangen oder betenden, andere blieben still sitzen und betrachteten minutenlang ihre Hände, fassungslos was ihnen widerfahren war. Wir kennen zwar von unserer Arbeit hier in Europa die Reaktionen und Dankbarkeit von Menschen, denen wir helfen durften, aber ein solches Ausmaß an Freude war für uns absolut neu. Es waren und sind für mich Momente, die ich als prägend für meine ganze weitere Tätigkeit bezeichnen kann.

In Äthiopien sind 1,8% der Bevölkerung blind, und weitere 3% hochgradig sehbehindert, wobei die Zahl der Betroffenen bis 2020 dramatisch ansteigen wird.

Der graue Star (Katarakt, Linsentrübung) ist als wichtigste Augenerkrankung eine meistens erworbene Trübung und Verhärtung der Augenlinse, die vor allem beim alternden Menschen auftritt und in vielen Fällen zur kompletten beidseitigen Erblindung führt. Die Folgen sind Arbeitsunfähigkeit und Abhängigkeit vom sozialen Umfeld. Neben dem Schicksal an sich haben die Betroffenen eine deutlich reduzierte Lebenserwartung aufgrund von Folgeproblemen. Ein 15 Minuten dauernder operativer Eingriff (Staroperation, Kataraktoperation) stellt die Sehfähigkeit wieder her, was für viele Erkrankten nach Jahren der Blindheit einem Wunder gleichkommt. Bei dieser Operation wird in örtlicher Betäubung der Inhalt der trüben Augenlinse entfernt, und eine künstliche Linse eingesetzt, die zeitlebens im Auge verbleibt. Die Patienten sehen sobald der Verband vom Auge entfernt wird, und können am Folgetag das Krankenhaus bereits wieder verlassen.

Vom Prinzip her wird der gleiche Eingriff wie bei uns in Europa durchgeführt, allerdings benötigt man in Entwicklungsländern Techniken, wie sie vor 15 Jahren bei uns routinemäßig operiert wurden und heute nur mehr in Ausnahmefällen gebraucht werden. Eine Entfernung mit Ultraschall und Kleinschnitttechnik wäre in Afrika meist nicht möglich, da die Linsen zu hart sind ("reifer Star"), und es an Strom, an Aufbereitungsmöglichkeiten und an Wartung für die bei uns verwendeten komplizierten Gerätschaften fehlt. Auch die Kosten würden ein Vielfaches betragen, obgleich die Ergebnisse mit der älteren OP-Technik sehr gut sind und im Hinblick auf die Gesamtsituation die verwendete Variante die größeren Vorteile zeigt

Dennoch ist selbst für erfahrene Kataraktchirurgen die Staroperation vor Ort schwierig, da die Stabilität des Linsenaufhängeapparates sehr schlecht ist (die Patienten kommen erst in einem Spätstadium zur OP), oftmals vorverletzte Augen zu operieren sind und ein Teil der Patienten entweder sehr alt oder manchmal sogar sehr jung sind (kindliche Katarakt). Wir operieren Kinder ab dem 6. Lebensjahr in örtlicher Betäubung, was bei uns undenkbar wäre, vor Ort aber Standard ist (und aufgrund des Risikos einer Allgemeinnarkose für das Kind Vorteile hat).

 

Zusammenfassend konnten wir in knapp 2 Wochen auf 2 Tischen über 260 Augenoperationen durchführen. Ursprünglich war ein einmaliger Einsatz in Debre Markos vorgesehen. Da uns in dieser kurzen Zeit das Projekt und vor allem die Personen vor Ort sehr ans Herz wuchsen, zusätzlich seitens des Rotary Club Wels weitere finanzielle Unterstützung für dieses Projekt beschlossen wurde, war bald klar, daß es nicht unsere einzige Reise nach Debre Markos bleiben sollte.